Entlang der Fulda und Oberweser – Juni 1999

Bei dieser Fahrt handelte es sich um eine selbstorganisierte Genußradtour mit Zugan- und -abreise und Unterkunft in Hotel, Pension oder Privatzimmer.

Teilnehmer: Michaela, Otto, Susanne, Vera, Reinhard, Angelika und Claus

Weserstein in Hann. Münden Vorbereitung:
Fuldaradweg oder Wellness-Route, das war noch drei Wochen vorher die große Frage. "Fahrt man Fuldaradweg, da ist es wunderschön!" so entschied Ulrike in ihrer zupackenden Art unser Ziel. Doch wer fährt mit? Die Vorbesprechung verlief chaotisch: Michaela wußte gar nicht, worum es ging, schloß aber ein Mitkommen von vornherein aus und brachte auch Otto gar nicht mit. Den riefen wir aber noch an und mit Terminkalender in der Hand verkündete er: "Am Freitag muß ich unbedingt noch arbeiten!" Zum Glück war in Schloß Neuhaus am Fronleichnamswochenende Schützenfest und somit schulfrei, so konnten wir den Montag dranhängen. Mit Angelika und Susanne waren wir immerhin schon vier; einen Tag darauf schlossen sich auch noch Vera und Reinhard an, letzterer konnte aber auf keinen Fall am Montag. So waren wir fünfeinhalb!
Als diese fünfeinhalb endlich fest standen, war in Melsungen (erster Übernachtungsort) fast kein Zimmer mehr zu bekommen, später stellte sich auch heraus, warum. Bei der dritten und vierten Wahl gab es dann noch einzelne Zimmer, so daß wir verteilt gerade noch unterkamen.
Selbst in Hann. Münden für die Nacht von Sonntag auf Montag wurde es schwierig, doch bei der dritten Wahl im "Letzten Heller" klappte es noch – und diese Wahl sollte sich später als Glücksgriff erweisen.
Als ich die Fahrtroute und die Übernachtungsstätten den anderen zumailte, meldete sich Reinhard, der nun doch am Montag Urlaub bekommen könnte. Wenn es im "Letzten Heller" noch ein Bett gab, waren wir sechs!
Drei Tage vor dem Losfahren war Michaela mit dem Korrigieren nahezu fertig und konnte (und wollte) auch noch mitradeln, da waren wir sieben!
Mit Zustellbett und zweimaligem Nachbestellen im "Letzten Heller" brauchte auch keiner unter der Brücke zu pennen.

Sa. 5.6.99 (44 km)
9:36 Uhr war Zugabfahrt in Paderborn, alle kamen pünktlich und Susanne saß schon im Zug. Das einzige Problem war, daß wir ein Wochendticket für Sonntag, den 6.6. hatten, aber das bemerkte nicht einmal der freundliche Schaffner. Nachdem wir auf der Fahrt zum Bahnhof schon das erste Mal naß geworden waren, half endlich das vielfache Daumendrücken und es blieb trocken (vorerst). Beim Umsteigen in Warburg zeigte sich, daß wir bereits ein eingespieltes Team waren. Auch in Kassel ("My Home is my Kassel") war es noch trocken, so daß wir die vorgesehene Fahrt (und Wanderung) auf die Wilhelmshöhe antreten konnten. Kurz unterhalb des Schlosses stellten wir die Räder ab und gingen zu Fuß duch das Schloß und den anschließenden wunderschönen Park steil bergauf in Richtung Herkules. Natürliche Kaskaden, Rotunden, Ruinen, geschwungene Brücken und ein Wald mit 300 Baumarten bilden den Teil vom Schloß bis unter den Herkules. Hier steigt man an künstlichen Kaskaden entlang auf Treppen dem Herkules entgegen, der lässig oben auf der Spitze lümmelt – so als ginge ihn das alles gar nichts an. Die einmalige Aussicht von hier oben (500 m hoch) endete im hinteren Teil der Stadt, weil es dort schon wieder am Gallern war.

Blick von der Wilhelmshöhe

Leider werden die Kaskaden nur an Sonn- und Feiertagen geflutet, doch bereits während des Abstiegs wurden sie durch die Himmelsschleusen geflutet, was uns erst einmal unter einen der schönen Bäume zwang. Doch ein Baum hält nicht ewig (trocken) und so rollten wir wieder hinab zum Bahnhof, wo wir ganz begallert ankamen (Susanne: "Wie sollen wir das je wieder trocken kriegen?").
Wie gemütlich kann doch ein Bahnhof sein! Der Zug fuhr uns dann durch das romantische Fuldatal, das wir beradeln wollten. In Melsungen konnten wir vom Zug aus bereits das Gasthaus Ellenberger sehen, in dem die meisten von uns heute Nacht schlafen würden. Im schönen Rotenburg war das Ziel der Zugfahrt erreicht, wir schwangen uns jedoch nicht gleich aufs Rad, sondern erholten uns von den bisherigen Strapazen in einem italienischen Eiscafe (Erdbeerbecher-Saison). Dann die gemütliche Stadtrundfahrt zum Schloß und durch die Altstadt, bevor es endgültig hinaus in die Natur entlang der Fulda ging. Und Natur ist hier ein wirklich zutreffender Begriff, ein Naturschutzgebiet reihte sich an das andere, Lehrpfade und Beobachtungsstationen waren mehrfach vorhanden.
Inzwischen war auch die Sonne herausgekommen und die ersten kurzen Hosen waren zu bestaunen. Mehrfach überquert auch der Radweg die Fulda, in Altenmorschen ist noch das Kloster Heydau zu erwähnen, in Neumorschen die Marktstraße.

Marktstraße in Neumorschen

Aber die Sehenswürdigkeiten muß man nicht suchen, der Fuldaradweg wird immer genau dort lang geführt. Zwischen Binsförth und Beiseförth (Abfahrt: Dagobertshausen) überquert man einen Berg mit 12 % Gefälle, von Obermelsungen wird man auf der Uferpromenade in das Herz der Fachwerkstadt Melsungen hineingeführt. Über die "Bartenwetzerbrücke"

Auf der Bartenwetzerbrücke

gelangten wir zum Gasthaus Ellenberger, Angelika und ich fuhren zurück zum "Haus Pfeiffer" (mit drei f), was sich als absolute Bergtour entpuppte. Das Haus war Luftlinie zwar nur 100 m von der Fulda entfernt, aber diese Luftlinie stand nahezu senkrecht!
Auf der Rückfahrt zum Treffen in der Altstadt hatten wir ein schreckliches Erlebnis mit einem einheimischen Autofahrer (Geländewagenfahrer). Nachdem er sich an einer Ampel mit gemeinsamer Geradeaus- und Linksabbieger wohl etwas behindert fühlte ("Sollte man in den Arsch treten!"), lauerte er uns unbemerkt direkt vor der Fußgängerzone (Radfahren erlaubt) mit seinem Auto auf und schoß damit knapp vor unsere den Berg hinabrollenden Räder. Nur dank herzhaft zupackender Magura-Bremsen konnte ein Unfall vermieden werden. Dann zeigte er, was er an Schimpfwörtern so alles drauf hatte. Neben ihm saß sein etwa 12jähriger Sohn, was soll aus diesem armen Jungen nur werden?
Zu Fuß erkundeten wir dann die Altstadt, bis unser Magen seine Ansprüche geltend machte. Nachdem kein Lokal allen zusagte, einigten wir uns auf die Unterkunft Ellenberger, die auch ein ansprechendes Restaurant mit Hessischer Küche ("Schmandschnitzel") besitzt. Mit "Löwenbräu" ließen wir den Abend ausklingen ... bis auf die Bergtour unter Sternen für Angelika und mich.

Fachwerk in Melsungen

Susanne mit Bartenwetzer So. 6.6.99 (70 km)
Nach einer ruhigen Nacht zeigte der erste Blick aus dem Fenster, daß es regnete. So drehten wir uns nochmal um. Ein ausgezeichnetes Frühstück – am Tisch serviert – entschädigte uns für diesen Anblick. Ein weiterer Gast war hier zu einem Großfamilien-Treffen (80 Leute, der weiteste aus Pennsylvania), deshalb war in Melsungen kaum eine Unterkunft zu bekommen.
Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und wir traten die Abfahrt an. Ohne behelligt zu werden kamen wir diesmal bis zu den anderen, die bereits auch in den Startlöchern standen. Über die Bartenwetzerbrücke gelangten wir wieder auf den Fuldaradweg.
Nachdem wir einige Kilometer auf einer nahezu autofreien Kreisstraße zurückgelegt hatten, begann in Grebenau wieder ein Abenteuer: laut Karte teilt sich hier der Radweg auf einen, der um die Fuldaschleife herumführt, und einen, der entlang einer Landstraße abkürzt. Ausgeschildert war aber nur der kurze Teil; wir aber wollten lieber den romantischen Weg fahren. Entgegen der Beschilderung fuhren wir also aus dem Ort heraus, trafen dabei noch ein anderes Radlerpärchen, das wir schon am Vortag mehrfach getroffen hatten. Sie hatten ganz merkwürdige Informationen: die eingezeichnete Brücke sei noch im Bau und nicht befahrbar, man müsse auf eine ganz andere Strecke ausweichen. Hier zeigt sich wieder einmal, daß Einheimische, die selber kein Rad fahren, sich oft schlechter auskennen als Radler mit gutem Kartenmaterial. Eine im Bau befindliche Brücke gab es tatsächlich, doch da wollten wir gar nicht rüber, und unsere eigentliche Brücke war schon alt und gut (schmal). Doch das Stück zwischen den beiden Brücken hatte es in sich: an der engsten Stelle der Schleife, am sogenannten Prallhang, verlief der Radweg als matschiger Feldweg im Wald hoch über der Fulda. Rechts ging es nahezu senkrecht runter und links war tiefe Matsche, nur auf der Kante war ein 0 bis 50 cm breiter einigermaßen befahrbarer Streifen. Je nach Temperament und Schwindelfreiheit wurde dieser benutzt oder durch die Matsche geschoben.
Im Fuldatal bei Kassel Auf der anderen Seite der Schleife war es dann erstmal Zeit für eine ausgiebige Rast, inzwischen war auch die Sonne herausgekommen und lange Hosen fielen (z. T.). In der ganzen Gegend ist man etwas Autobahn-geschädigt, man sieht sie nicht, aber hört sie (bei Westwind) recht kräftig. Hinter Guxhagen auf einer Anhöhe schaute der Herkules über die Kante. Romantische Fuldaauen mit frisch geschorenen Schafen, dahinter die Fabriktürme des VW-Werks in Baunatal, bildeten die Kulisse für den schönen Fuldaradweg.
Mit einer Bergwertung wird die Fuldaschleife bei Berghausen abgekürzt, danach wird der Großstadtcharakter deutlich spürbar.
Auf einer Sonnenterrasse zwischen Fulda und Park "Karlsaue" genehmigen wir uns Getränke, Waldpilzsuppe Hubertus und Cappuccino. Als wir vor dem Schloß Orangerie auf und ab flanieren, droht eine dunkele Wolke; "Kasseler Wetter", denken wir.
Kurz hinter Kassel ist die Wolke tatsächlich wie weggeblasen und strahlender Sonnenschein liegt über der nächsten Sensation: die aus dem Wald kommende Landstraße L3235 ist für den Autoverkehr gesperrt, dafür bevölkern Hunderte von Radlern dieselbe. Als nach zwei Kilometern eine weitere Straßensperre folgt, denken wir, jetzt ist der Spaß zu Ende, doch jetzt geht's erst richtig los. Am Hotel "Roter Kater + Graue Katze" genießen wir (und Hunderte andere) die Aussicht auf Spiekershausen. Nach vier weiteren autofreien Kilometern geht es auf die B3, ich sehe mich schon nach dem Radweg um. Doch wieder irren wir uns, die gesamte B3 bis Hann. Münden ist heute für den Autoverkehr gesperrt. Das erklärt uns ein freundlicher Mann am Informationsstand des ADFC Kassel, und es handele sich hierbei um das "Sattelfest". Und für diese Sensation waren wir genau zurecht gekommen! Wir überlegten noch, ob wir uns den Preis für die am weitesten angereisten Teilnehmer abholen sollten, doch dann entschieden wir uns einfach für das Genießen dieser unvergeßlichen Tatsache, zusammen mit etwa 100000 anderen Radlern auf der gut ausgebauten B3 im strahlenden Sonnenschein dahin zu rollen.
Auf dem Sattelfest Wir waren dabei!

Bis nach Hann. Münden hinein ging der Spaß, doch jetzt wollten wir erst einmal zu unserer Unterkunft, dem "Letzten Heller" im Werratal. Auf dem kürzesten Weg (entlang der Bundesstraße) ritten wir die vier Kilometer bis zu dem einsam und halb im Wald gelegenen Restaurant mit Gästehaus. Nach Zimmerbezug und Ameisenjagd trafen wir uns draußen, um nach Hann. Münden zurückzufahren. Doch Michaela war eingeschlafen, so probierten wir an einem sonnigen Tisch vor dem Restaurant erst einmal das einheimische Bier. Ein Blick auf die Speisekarte verriet, daß man im "Letzten Heller" hervorragend speisen kann, etwas problematisch war nur, die Hann.-Münden-Besichtigung und das Speisen zeitlich auf die Reihe zu bringen. Nach dem ersten Bier stellte jemand die Frage, ob wir überhaupt noch nach Hann. Münden müßten. Doch einige Besichtigungswillige äußerten Unmut. Als ich jedoch die Bemerkung fallen ließ, daß wir morgen früh sowieso durch Hann. Münden kämen, bestellte Otto sofort die zweite Runde und die Sache war entschieden.
Beim dritten Bier war auch Michaela wieder wach und freute sich über unsere weise Entscheidung. Wir nahmen unseren reservierten Tisch ein: das Essen war ein Gedicht! Besonders die aktuelle Spargelkarte hatte es uns angetan, aber auch Vorspeisen und Nachtisch hatten einen Michelin-Stern verdient. Zu allem Überfluß ging wahrend des Essens draußen ein Gewitterschauer nieder, was unsere Entscheidung auch noch nachträglich rechtfertigte. Daß das Essen im "Letzten Heller" teurer wurde als die Übernachtung (ähnlich wie in der "Blauen Ecke" in Adenau) hat letztendlich keinen großen Geist gestört. Klar daß wir als letzte (von vielen) Gästen das Restaurant verließen, schließlich hatten wir den kürzesten Weg ins Bett.

Mo. 7.6.99 (65 km)
Strahlender Sonnenschein weckte uns!
Und wieder wurde alles am Tisch serviert! Eine gute Stunde frühstückten wir, bis wir das meiste geschafft hatten. Dann verabschiedeten wir uns von unseren netten Gastgebern, fuhren noch einen knappen Kilometer flußaufwärts, um dann auf einem schönen Stück Werraradweg nach Hann. Münden zu rollen. Direkt beim Welfenschloß, das sich auch wieder als Raubritterburg (Finanzamt) erwies, kommt man in die herrliche Altstadt, vorher fuhren wir aber noch an die Stelle, wo Werra und Fulda sich küssen: zum Weserstein. Um das schöne Rathaus war gerade eine Baustelle, aber man kann nicht alles haben. Ein Fachwerkhaus schöner als das andere, dazu am südlichen Rand die Rotunde. Auch einen Blick auf die Tillyschanze erhaschten wir. Über die historische Werrabrücke verließen wir die Altstadt und genossen vom Rand der Bundesstraße aus noch einmal den besten Ausblick auf den Zusammenfluß von Werra und Fulda.
Num waren wir auf dem Weserradweg, tief eingeschnitten die Weser zwischen den Wesergebirgen. Die Hoffnung, die erste Rast im berühmten "Fährhaus" von Hemeln zu verbringen, erhielt einen kleinen Dämpfer, den es hatte montags Ruhetag. Rasten konnten wir trotzdem auf der Sonnenterrasse und der Fähre (ohne Motor) zuschauen, nur bestellen konnten wir nichts.

Weserfähre Hemeln

Das taten wir aber dann in Bursfelde in der "Klostermühle", das eine sehr angenehme Speisekarte (auch vegetarisches – sowie eine spezielle Matjeskarte) bot. Inzwischen hatte sich auch ein gewisser Mittagshunger eingestellt. Dazu gab es Paulaner Dunkel oder Radeberger Pilsener; die ersten Gäste flüchteten aus der Sonne in den Schatten und bei uns fielen die letzten langen Hosen – bis auf eine zwecks OSSK.
Den Eisnachtisch verschoben wir bis zu unserem Zielort Bad Karlshafen. Vorher war aber noch das steilste Stück der Strecke zu bewältigen, eine angeblich 25%ige Steigung ("Radfahrer absteigen!") im Wald zwischen Bodenfelde und Bad Karlshafen. Oben standen zum Glück zwei Bänke zum Abdampfen. In Bad Karlshafen direkt an der klassizistisch angelegten Hafenanlage fanden wir dann die entsprechende Eisdiele mit schattigen Plätzen unter Lauben. In einem der Hauptgebäude am Hafen kann man die komplette geplante Stadt- und Hafenanlage als Modell besichtigen. Oberhalb der Stadt thront der Hugenottenturm und ein kleines Schlößchen über der Stadt.
Dann mußten wir zum Bahnhof, d. h. Bahnhof ist schwer übertrieben, Bahnsteig! Fahrkarten sollte uns ein Automat verkaufen, der aber nur Münzen (und Geldkarte) annahm. Zum Glück kam gerade der Gegenzug und auf dessen Tür stand: Fahrkarten bitte beim Fahrer lösen. Unser Fahrer verneinte aber, daß er uns Fahrkarten verkaufen könne, er habe nur Fahrkarten für die Reichweite seines Zuges. Wir mußten aber in Ottbergen noch einmal umsteigen. Er riet uns in Ottbergen an den Schalter zu gehen.
Doch in Ottbergen hatte der Schalter natürlich geschlossen und unsere drei Minuten Umsteigezeit erlaubten auch kein weiteres Suchen. Der Fahrer unseres nächsten Zuges gab uns die gleiche Auskunft über seinen Fahrkartenverkauf. Zum Glück (oder Pech?) stieg irgendwann ein Kontrolleur zu, der uns endlich unser Geld abnahm und uns die richtigen Fahrkarten aushändigte. Leider hatte sich auf der Zugfahrt in die Schönwetterecke Deutschlands (Paderborner Raum) der Himmel zugezogen und mit Ende dieser schönen Radreise war auch das schöne Wetter zu Ende.

Fazit: Auch das Fuldatal ist sehr zu empfehlen und eine ähnliche Genußreise machen wir auch im nächsten Jahr!


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